Heute schon gedengelt? – Wie du eine Sense schärfen kannst (Gastartikel von Marie von ‘Die Hinterwäldler’)

Es gibt Dinge, die sehen kinderleicht aus, brauchen aber ziemlich viel Übung. Spinnen zum Beispiel, singen oder Auto fahren. Neuerdings weiß ich, dass Dengeln auch zu dieser Sorte Fähigkeiten gehört.

In meinem letzten Beitrag hatte ich von unserer neuen Leidenschaft erzählt, dem meditativen Mähen per Hüftschwung. Mit der Sense also. Um die Sense zu schärfen, muss sie gedengelt werden. Erwecket den Schmied in euch! Denn Sensen ohne Dengeln ist undenkbar.

 

Was ist “dengeln”?

Beim Dengeln wird mit einem Hammer so auf die Schneide (den „Dangl“) der Sense gehauen, dass das Metall ausgedünnt („ausgetrieben“) wird. Die Klinge wird auf diese Weise nicht nur messerscharf und hauchdünn, sondern durch das Schlagen gleichzeitig gehärtet, wie man es vom Kaltschmieden kennt. Ein genialer Trick, der zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt.

Nun die Praxis, meine Herren! Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis ich das neu gekaufte Sensenblatt endlich in die Nähe eines dünnen, halbwegs scharfen Dangls bekommen habe.Leider habe ich nicht mit der guten alten Sense, unserem Dachbodenfund, begonnen. Denn der alte Stahl ist meist weicher als moderner Stahl, was für Anfänger-Schmiede eindeutig praktischer ist. Tipp 1 also: alte Sensen sind zum Üben besser geeignet als neuer Power-Stahl.

Marie beim Dengeln
Alte Sensen bestehen meist aus weicherem Metall, das spürbar einfacher zu bearbeiten ist

Profis schlagen mit dem Dengel-Hammer direkt auf das Sensenblatt und zaubern so eine ebenmäßige, schmale, scharfe Schneide. Das ist eine Kunst. Riesig gefreut habe ich mich deshalb vor einigen Tagen über einen Spontanbesuch meiner Familie, bei dem ich meinem Opa flux die Sense in die Hand gedrückt habe. Youtube ist toll, aber noch großartiger ist das direkte Zuschauen und Lernen von denen, die früher auf all diese Fähigkeiten angewiesen waren. Anfängern ohne professionelle Hilfe gelingt das Dengeln mit einem kleinen Hilfsmittel am ehesten: dem Schlagdengler.

 

Der Schlagdengler: Rettung für interessierte Laien

Der Schlagdengler besteht aus einem Metallstift und zwei Hülsen oder Kappen, die man wie einen Deckel auf den Stift aufsetzen kann. Die erste Hülse (mit einem Strich markiert) ist für den Grobschliff, die zweite (mit zwei Strichen markiert) für den Feinschliff. Man benutzt sie also nacheinander.

Schlagdengler
Schlagdengler: Ermöglicht auch Anfängern das Sensen mit scharfem Werkzeug

Anbringen könnt ihr den Schlagdengler so: Die Spitze des Metallstiftes wird in einen Holzstumpf oder einen anderen Arbeitsbock aus Holz getrieben. Dafür sollte kein Metallhammer, sondern ein Holzstück verwendet werden. Der Holzgriff eines Hammers eignet sich sehr gut dafür.

Unter die Hülse wird das Sensenblatt geschoben. Durch gleichmäßige Hammerschläge auf die Hülse treibt diese den Stahl an genau der richtigen Stelle aus. Der Prozess wird in diesem oder in diesem Video sehr schön beschrieben.

 

Sitzposition & Halten und Bewegen der Sense

Wichtig ist, dass das Sensenblatt die ganze Zeit über parallel und gleichmäßig auf der Grundfläche des Schlagdenglers aufliegt. Es darf weder nach hinten, nach vorn oder zur Seite kippen. Dadurch würde das Metall schief ausgetrieben und es würden sich krumme Stellen bilden, die schwer zu korrigieren sind. Auch von oben wird das Metall durch den Daumen gestützt, damit nichts zur Seite kippen kann. Klingt krampfig, fühlt sich am Anfang auch so an 🙂 Etwas mehr Übung löst das Problem aber. Stück für Stück wird das Sensenblatt nun während des Schlagens zur Seite bewegt.

dengeln-mit-schlagdengler
Das alte Sensenblatt ist nicht nur weicher, sondern auch leichter. So hat das Dengeln richtig
Spaß gemacht, auch wenn sie optisch noch ein wenig WD-40 vertragen könnte

Das Sensenblatt wird auf Dauer recht schwer mit einer Hand zu halten. Deshalb ist es clever, das Blatt auf einem oder auf beiden Knien abzulegen. Dadurch bleibt das Sensenblatt auf der gleichen Höhe und kann bewegt werden, indem ihr das Knie nach außen fallen lasst. Daniel und ich benutzen denselben Baumstumpf für das Dengeln. Da ich kleiner bin, sind meine Knie nicht auf der richtigen Höhe, um die Sense ablegen zu können. Ein Backstein unter den Füßen hat das Problem schnell gelöst.

 

Das Schlagen

Dengeln solltet ihr immer vom Bart, also der breiten Seite des Sensenblattes, zur Spitze hin. Schlagt lieber weniger fest und dafür in mehreren Durchgängen. So reduziert ihr das Risiko, die Sense unerwünscht zu verformen. 10 Schläge pro cm sind angeblich eine Daumenregel, und irgendwann habt ihr einen schönen flüssigen Rhythmus raus. Um den Dangl durchgehend gleichmäßig auszudünnen, sollten die Schläge etwas überlappen, damit jede Stelle des Metalls getroffen wird und keine Wellen entstehen.

 

Gedengeltes Sensenblatt
Hier das neu gekaufte Sensenblatt. Trotz Schlagdengler fand ich es nicht einfach,
Unebenheiten im Stahl zu vermeiden. Es hat gedauert, bis ich den richtigen Winkel herausgefunden
hatte. Immerhin sieht man sehr schön, wo der Stahl schon durch die erste Hülse ausgetrieben wurde

 

Dengelschulung
Familien-Event: Die kleine „Dengelschulung“ durch meinen Opa war ein riesiges Geschenk

 

Wie oft sollte gedengelt werden?

Nach ca. 4 Stunden Arbeitszeit sollte die Sense wieder gedengelt werden, abhängig natürlich immer vom Zustand der Sense.

 

Wie lange dauert das Dengeln?

Bei hartem Stahl und wenig Kenntnis: zu lange! 😀 Aber so ist das halt mit dem Üben. Mit etwas Training braucht ihr angeblich nur 10 bis 15 Minuten. Am Anfang habe ich 2-3 Stunden gebraucht, um erst einmal einen guten Rhythmus, den richtigen Winkel und eine bequeme Handhaltung zu finden. Auch das Führen des Sensenblattes mit den Knien ging am Anfang recht ruckelig vonstatten. Aber ich will nicht ausschließen dass ich mich anfänglich auch sehr blöde angestellt habe. 🙂

 

Müssen es immer beide Hülsen sein?

Wenn ihr sehr oft dengelt könnt ihr euch, je nach Zustand des Dangls, die erste Hülse sparen. Ihr könnt in diesem Fall gleich mit dem Feinschliff beginnen, um wirklich nur die äußersten 1-2 mm auszudünnen und zu härten.

 

Wann ist der Dangl dünn und scharf genug?

Wenn ihr mit dem Finger über die Schneide fahrt, werdet ihr schnell merken, ob das Blatt scharf ist. Im Zweifel hilft ein kurzer Test auf der Wiese oder Weide. Profis treiben das Metall so dünn aus, dass es sich leicht wölbt, wenn man mit dem Daumennagel von unten dagegen drückt. Das Ganze nennt man dann findiger Weise den „Daumennagel-Test“. Der Stahl muss aber nicht zwingend so dünn sein, um schneiden zu können.

 

Das Finale: der Wetzstein

Nach dieser Prozedur sollte die Sense noch einmal mit einem feuchten Wetzstein bearbeitet werden, um den Grat zu entfernen. Und jetzt endlich ab auf’s Feld.

Sense wetzen
Harter Stahl sollte mit einem weichen Stein, weicher Stahl mit einem harten Stein gewetzt
werden. Sagt jedenfalls mein Opa. Und dem glaub ich das. 🙂

Meine Lektion der letzten Tage: Ich sense gern, aber nur, wenn die Sense richtig scharf ist. Dafür ist das Dengeln unerlässlich. Nachdem ich, mit schlagfester Hilfe meines Opas, auch die neue Sense scharf bekommen habe, bin ich guter Dinge sie auch scharf halten zu können. Die alte sowieso. Nicht im Free-Style, sondern mit dem Schlagdengler und viel Geduld und Spucke.

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Marie

Auf ihrem Blog "Die Hinterwäldler" teilen Daniel und Marie seit 2012 ihre Entdeckungen und Gedanken zu den Themen Selbstversorgung, Woodcraft und zu historischem Wissen. Am Anfang steht dabei immer die Freude am Ausprobieren und Selbermachen. 2015 sind sie ihrem Traum vom hinterwäldlerischen Leben ein Stückchen näher gekommen und haben einen alten Bauernhof in Brandenburg gekauft, den sie Stück für Stück in Schuss bringen möchten. In aller Ruhe, mit viel Passion und garantiert null Langeweile.
Marie

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